„Kunst ist nicht für jedermann.“ „Denk
bloß nicht, du könntest Künstler werden.“ „Künstler sind das Gewissen des
Volkes, sie tragen so viel Verantwortung, sie sind die Elite des Landes.“
Kennt ihr, meine Damen und
Herren, auch ähnliche Sprüche? Wurdet ihr von Kindheit an auch davon überzeugt,
dass Kunst den höheren Kreisen, den „Auserwählten“ angehört? Dass ihr nicht die
geringste Chance habt, daran teilzuhaben, geschweige denn, selber Künstler und
Künstlerinnen zu werden?
Vielleicht habt ihr, so wie Aideen
Moriss es tat, darauf gewartet, bis jemand kommt und sagt: „Du darfst.“ Es ist
genauso simpel wie das „Du darfst“ des Lebensmittelherstellers, denn so wie
jeder wahre Mensch essen muss und darf, darf auch der wahre Künstler, dem keine
Wahl bleibt (vgl. Klee-Essay) Kunst machen. Kunst ist an sich kein schlechterer
oder besserer Beruf als jeder andere. Sie wird nur allzu oft idealisiert, oder
am anderen Ende der Skala, endlos verspottet und niedergemacht.
Jeder von uns hat das Recht, zum
Betrachter und auch zum Schöpfer der Kunst zu werden, sofern er ein inniges
Bedürfnis hierzu verspürt. Kunst, insbesondere heutzutage, ist nicht so
unerreichbar, wie wir oft glauben, denken zu müssen. Man geht auf die Straße
und schon trifft man sie. Die Kunst. Manch einer mag sagen, es seien bloß
platonische Abbilder, die nichts Wert seien. Mag durchaus sein. Doch selbst der
billigste Druck auf einer Postkarte macht Kunst erreichbar für ein breites
Publikum. Das heißt jedoch nicht für die Masse, meine Damen und Herren, das
Wort Masse bleibt wie immer brav vor der Tür der Morisses stehen!
Sie idealisieren die Kunst, reden
sie schön, erklären sie für unerreichbar und weit entfernt vom alltäglichen
Leben, schaffen eine künstliche Kunstwelt, die menschenweltfremd sein müsse…
all das, so glaube ich, hat einen ursprünglichen Grund: den chronischen Mangel
an künstlerischem und allgemeinem Selbstbewusstsein! Analog dazu leidet
derjenige, der uns Künstler liebend gern verspottet und über uns lacht, an
einem sehr ausgeprägten, meist nahezu penetranten und fehl am Platz seienden
Selbstbewusstsein.
Ihr kennt bereits meine Meinung,
die sich aus diesem Text erschließt, veehrte Künstler und Künstlerinnen, liebe
Freunde: Künstler sind nicht mehr und auch nicht weniger Menschen als die anderen,
wir treffen sie auf der Straße, können sie mit einem gängigen „Hallo, was macht
die Kunst?“ begrüßen und ihre Freunde werden. Wer sich selber als Künstler
idealisiert und unerreichbar macht, hat die Kunstwahrheit, meiner Ansicht nach,
noch nicht ganz verstanden.
Seine Begabung leben und sie mit
der Öffentlichkeit teilen, das ist die Arbeit des Künstlers. Ich zweifle
keineswegs die Tatsache an, dass Künstler besonders sind und die Kunst eine
edle Sache, doch lasst uns wenigstens auf diesem Gebiet realistisch bleiben.
Schließlich haben sich die ersten
und sehr wohl auch die unvoreingenommensten Künstler aller Zeiten, Schöpfer der
Höhlenmalerei, auch nicht gefragt: Darf ich nun malen oder nicht…
